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Gedanken

Zur Hälfte falsch – was von einem Gedanken bleibt, wenn man ihn nachschlägt

Ich hatte einen Gedanken über Angst, Einsamkeit und wofür Software eigentlich gebaut werden sollte. Beim Nachschlagen ist die Hälfte davon zerfallen – ausgerechnet die, die am besten klang.

Zur Hälfte falsch

Der Gedanke ging so:

Angst ist evolutionär die stärkste Emotion, weil sie das Überleben gesichert hat. Heute stirbt man aber nicht mehr an Gefahr — man geht an Einsamkeit und Schwermut zugrunde. Also müsste man umdrehen, worauf hin optimiert wird: nicht mehr auf Angst, sondern auf Freude.

Das klang mir zu rund. Ein Gedanke, der sich beim Aussprechen gut anfühlt, ist kein Argument, sondern ein Verdacht. Ich habe ihn nachgeschlagen. Die eine Hälfte ist zerfallen, die andere trägt besser, als ich dachte — und es war nicht die Hälfte, die ich für sicher gehalten hatte.

Die Hälfte, die nicht hält

„Angst ist die stärkste Emotion” ist keine Aussage, die man belegen kann. Es gibt keine Rangliste der Gefühle nach Stärke, und niemand hat eine aufgestellt. Der Satz fühlt sich wahr an, weil jeder ein Beispiel dazu hat.

Was es tatsächlich gibt, ist etwas anderes und Genaueres. Es heisst Negativitäts-Verzerrung, und die grosse Übersichtsarbeit dazu von Baumeister und Kollegen (2001) trägt den Titel „Bad is Stronger than Good”. Der Befund zieht sich quer durch alles Untersuchte: Schlechtes wird gründlicher verarbeitet als Gutes. Ein schlechter Eindruck bildet sich schneller und ist schwerer zu widerlegen. Schlechte Rückmeldung wirkt länger nach als gute.

Der Unterschied zu meinem Satz ist nicht kosmetisch. Das eine ist eine Beobachtung darüber, wie wir verarbeiten. Das andere ist eine Rangordnung der Gefühle, die es nicht gibt. Ich hatte das Zweite gesagt und das Erste gemeint.

Die Hälfte, die hält

Und dann der Teil, bei dem ich unsicher war und deshalb vorsichtig formuliert hatte. Der steht.

Eine Übersicht über 70 Studien (Holt-Lunstad und Kollegen, 2015) rechnet aus, was soziale Isolation für die Sterblichkeit bedeutet — mit herausgerechneten Störfaktoren. Ergebnis: soziale Isolation +29 Prozent, Einsamkeit +26 Prozent, Alleinleben +32 Prozent höhere Sterbewahrscheinlichkeit. Die Autoren ordnen das in der Grössenordnung anerkannter Risikofaktoren ein — vergleichbar mit leichtem Rauchen, und über dem, was Bluthochdruck und Übergewicht beitragen.

Bemerkenswert dabei: Der Zusammenhang war bei den unter 65-Jährigen stärker ausgeprägt, nicht schwächer. Es ist kein Altersthema.

Im Juni 2025 hat die Weltgesundheitsorganisation dazu eine Kommission berichten lassen. Deren Zahlen: Jeder sechste Mensch weltweit ist von Einsamkeit betroffen. Zugerechnet werden ihr rund 871’000 Todesfälle im Jahr — etwa hundert in jeder Stunde. Am häufigsten berichten es die 13- bis 17-Jährigen, mit 21 Prozent.

Was man dazusagen muss

Das sind Beobachtungsdaten und Zurechnungen, keine Versuche. Zusammenhang ist nicht Ursache, und die naheliegende Gegenrichtung ist real: Wer krank ist, vereinsamt auch leichter. Die Studien rechnen dagegen, so gut es geht — aber sie räumen den Einwand nicht aus, und das gehört dazu, wenn man solche Zahlen zitiert.

Auch mein „man stirbt nicht mehr an Gefahr” ist zu grob. Menschen sterben weiterhin an Unfällen, an Gewalt, an Krieg. Richtig ist nur die Verschiebung der Gewichte, nicht das Verschwinden des einen Pols.

Was ich daraus für die Arbeit ziehe

Trotz aller Abzüge bleibt genug stehen, dass es etwas ändert.

Wenn Verbundenheit ein Risikofaktor in dieser Grössenordnung ist, dann ist die Frage, worauf hin eine Software gebaut wird, keine Geschmacksfrage. Ein Programm, das Verweildauer maximiert, tauscht etwas ein. Es tauscht die Stunde, in der jemand sonst rausgegangen wäre.

Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass Apps einsam machen. Das habe ich nicht belegt, und ich habe auch keine Arbeit gefunden, die es sauber zeigt. Was ich sage, ist kleiner und trotzdem unbequem genug: Die Kennzahl, auf die hin gebaut wird, ist die falsche. Und die richtige — hat der Mensch danach etwas davon gehabt — ist schwer zu messen und deshalb unbeliebt.

Auf Freude zu bauen ist keine wissenschaftliche Folgerung. Es ist eine Entscheidung darüber, was man als Erfolg zählt. Ich zähle es so, und die Zahlen oben sind der Grund, warum ich die Entscheidung für vertretbar halte — nicht der Beweis, dass sie richtig ist.

Und die eigentliche Lehre

Die steckt nicht im Thema.

Von meinem Gedanken war der Teil falsch, der am besten klang, und der Teil richtig, bei dem ich gestockt habe. Beim Sprechen hatte ich es genau andersherum sortiert: Über die Emotionen redete ich flüssig, bei der Einsamkeit wurde ich vage.

Ich glaube, das ist die Regel und nicht die Ausnahme. Flüssigkeit ist ein Zeichen dafür, dass ein Satz oft gehört wurde — nicht dafür, dass er stimmt. Die Stellen, an denen man ins Stocken gerät, sind meistens die, an denen man selber denkt.

endeitfres