Ohne Feed – warum ich nicht auf Social Media bin und mana trotzdem hingeht
Ich habe seit Jahren kein Social Media. Das ist keine Leistung und keine Haltung zum Nachmachen – aber der Grund ist ein anderer, als die meisten annehmen. Und er widerspricht nicht dem, was der Verein gerade vorbereitet.
Ohne Feed
Ich bin seit Jahren nirgends. Kein Instagram, kein X, kein TikTok, kein LinkedIn-Gescrolle. Ich weiss nicht mehr genau, wann ich aufgehört habe, und ich habe es auch nie als Entzug erlebt — es ist einfach ausgefallen und nicht wiedergekommen.
Das ist keine Leistung. Ich erzähle es nur, weil der Grund meistens falsch geraten wird.
Nicht Disziplin
Die übliche Vermutung ist Willenskraft. Das ist es nicht — ich habe keine besondere.
Der Grund ist banaler und technischer. Ein Feed ist kein Regal, aus dem man sich nimmt, was man braucht. Er ist eine Reihenfolge, die jemand für dich festlegt, und diese Reihenfolge ist auf eine Kennzahl hin gebaut. Die Kennzahl gehört nicht dir. Sie gehört dem Betreiber, und sie heisst Verweildauer, weil Verweildauer das ist, was verkauft wird.
Daraus folgt alles Weitere von selbst. Was hält am längsten fest? Nicht das Nützliche. Das Aufregende. Ärger, Empörung, Sorge, Vergleich — das sind die billigsten Mittel, jemanden am Bildschirm zu halten, und deshalb sind sie überall.
Ich glaube nicht, dass da böse Leute sitzen. Es ist wie mit dem Abo statt der Kauflizenz: Man optimiert eine Zahl, und alles andere ordnet sich ihr unter. Nur ist die Zahl hier meine Aufmerksamkeit.
Was es mich kostet
Damit das nicht nach Freikauf klingt: Es kostet etwas, und zwar konkret.
Ich erfahre Sachen später. Ich verpasse Leute, die mich sonst gefunden hätten. Wenn ich etwas fertig habe, gibt es keinen Ort, an dem das automatisch jemand sieht — ich muss losgehen, auf Veranstaltungen, Karten verteilen, Menschen ansprechen. Das ist mehr Arbeit und langsamer.
Ich behaupte nicht, dass mein Weg der klügere ist. Er ist der, bei dem ich morgens noch weiss, was ich eigentlich vorhatte.
Und trotzdem geht mana da hin
Jetzt der Widerspruch, den ich nicht wegdiskutieren will.
Der Verein hat acht Kanäle beschlossen. Nicht nur brave im Fediverse — auch Instagram für die Eltern, LinkedIn für Organisationen und Gemeinden, Bluesky und Kurzvideo für die Spiele. Genau die Plattformen also, von denen ich persönlich weg bin.
Das ist kein Umfaller, sondern eine Unterscheidung, die ich lange gebraucht habe: Auffindbar und ansprechbar zu sein ist nicht dasselbe wie ein Gesicht im Empfehlungs-Feed. Das Erste ist Pflicht für einen Verein, dem Leute Geld und Daten anvertrauen sollen. Das Zweite ist eine Marketing-Option, und man darf sie ausschlagen.
Deshalb haben wir es aufgeteilt, statt es als Ganzes zu entscheiden. Meine Stimme: ja. Mein Klarname: ja, der steht ohnehin im Impressum. Mein Gesicht im Broadcast: nein. Mein Gesicht im Gespräch, bei einem Termin, vor einer Redaktion: selbstverständlich — das ist ein anderer Sachverhalt, und wer keinen Menschen zum Reden hat, wird auch nicht ernst genommen.
Und der Stand der Dinge
Weil es sonst zu geordnet klingt: Das Konto des Vereins gibt es seit dem 14. August. Es hat null Beiträge.
Wir haben uns die Regel gegeben, dass ein Kanal erst aufgeht, wenn vier Beiträge im Vorrat liegen — damit kein verwaistes Profil entsteht, das schlechter ist als gar keins. Die Regel ist richtig. Sie ist im Moment aber auch die Ausrede, hinter der ich mich verstecke, und das schreibe ich lieber selbst hin, bevor es jemand nachzählt.
Ich empfehle niemandem, aufzuhören. Ich habe nur irgendwann gemerkt, dass ich gar nicht entscheide, was ich da ansehe — und ab da war es langweilig.