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Gedanken

Hundertundein Jahr – warum kein Eigentümer vor Shitification schützt

beyerdynamic war 101 Jahre in Familienbesitz und wurde an einem Tag verkauft. Weder Börse noch Familie schützen eine Sache davor, schlechter zu werden – und was stattdessen hilft, steht bei uns in einem Artikel, den man nicht ändern kann.

Hundertundein Jahr

1924 gründet Eugen Beyer in Berlin eine Firma. Als er 1959 unerwartet stirbt, übernimmt sein Sohn und führt sie über vierzig Jahre. Am 5. Juni 2025 wird der Kaufvertrag unterschrieben: beyerdynamic geht für 122 Millionen Euro an Cosonic, einen chinesischen Auftragsfertiger. Hundertundein Jahr Familienbesitz, ununterbrochen, und dann eine Unterschrift.

Die Zahl ist mir hängengeblieben. Nicht weil daran etwas skandalös wäre — der Käufer hat zugesagt, rund 85 Prozent der Fertigung in Heilbronn zu lassen, die Geschäftsführung bleibt, und die Firma braucht Geld. Das ist alles nachvollziehbar. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes.

Ich höre oft, gegen das Schlechterwerden helfe die richtige Eigentümerform. Nicht an die Börse gehen. In Familienhand bleiben. Dann bleibt es gut.

Das stimmt nicht. Und ich finde, man muss das genau anschauen, bevor man selber etwas aufbaut und glaubt, man hätte es damit im Griff.

Der eine Weg: Quartalszahlen

Nehmen wir Software, die ich kenne. Avid stellt Pro Tools her, seit Jahrzehnten der Standard in Tonstudios. Im April 2022 hört Avid auf, Kauflizenzen zu verkaufen. Wer neu einsteigt, hat nur noch drei Abomodelle zur Auswahl.

Avid war zu diesem Zeitpunkt börsennotiert. Und das ist die Logik, die dort gilt: Eine Kauflizenz ist ein Umsatz. Ein Abo ist eine Kurve. Die Kurve lässt sich vorzeigen, planen, jedes Quartal wiederholen. Es gibt keinen bösen Menschen in dieser Geschichte, der beschliesst, seinen Kunden das Leben schwer zu machen. Es gibt eine Kennzahl, nach der optimiert wird, und alles andere ordnet sich ihr unter.

Aber — und das gehört dazu, sonst ist es keine ehrliche Geschichte — anderthalb Jahre später dreht Avid es zurück. Ende September 2023 gibt es wieder Kauflizenzen, und Pro Tools Ultimate kostet danach 1.499 Dollar statt 2.599. Über vierzig Prozent weniger als beim letzten Mal, als man es kaufen konnte. Der Grund war der Widerstand der Nutzer.

Shitification ist also keine Einbahnstrasse. Gegenwehr wirkt. Das ist die gute Nachricht, und ich hatte sie so nicht erwartet.

Die schlechte kommt sechs Wochen später. Am 7. November 2023 wird Avid für rund 1,4 Milliarden Dollar von einer Beteiligungsgesellschaft übernommen und von der Börse genommen. Drei Eigentümerlogiken in neunzehn Monaten, und der Nutzer war bei keiner davon gefragt.

Der andere Weg: hundertundein Jahr

Und dann eben der Weg, den alle für den sicheren halten. Kein Börsengang, kein Investor, eine Familie, die die Sache über Generationen weiterreicht. Genau das war beyerdynamic, ein Jahrhundert lang.

Der Punkt ist nicht, dass die Kopfhörer jetzt schlechter werden. Das weiss ich nicht, und niemand weiss es. Der Punkt ist, dass die Entscheidung darüber nicht mehr bei den Leuten liegt, die die Sache gebaut haben. Sie liegt bei jemandem, der sie gekauft hat. Was danach passiert, hängt an dessen Absichten, und Absichten sind kein Bauteil.

Hundertundein Jahr ist eine lange Zeit, in der man recht behält. Es braucht einen Tag, um unrecht zu haben.

Wo die These trotzdem hält — und woran

Ich habe lange geglaubt, Musiksoftware sei ein Gegenbeispiel: Ableton, Cubase, Logic, FL Studio, seit Jahrzehnten gut und nicht verkommen. Das war ein Gefühl. Beim Nachschauen wird daraus etwas Genaueres.

Ableton macht Live seit 1999, Berlin, in privater Hand. Es gibt weiterhin die Kauflizenz. Es gibt auch ein Monatsmodell, aber das ist ausdrücklich kein Abo: Man zahlt auf den Kaufpreis hin, und wenn er zusammen ist, gehört einem die Lizenz. Danach ist Schluss mit Zahlen.

Zwei Firmen, dieselbe Branche, dasselbe Produkt, gegenteiliges Verhalten. Der Unterschied ist nicht das Produkt und nicht die Gesinnung der Leute. Der Unterschied ist, wer im Nacken sitzt.

Nur: Auch Ableton kann morgen verkauft werden. Privatbesitz ist kein Schutz, sondern die Abwesenheit von Druck — bis jemand ein Angebot macht, das gross genug ist. Genau daran ist beyerdynamic nach hundertundein Jahren angekommen.

Was tatsächlich etwas ändert

Ich habe für mich nur eine Antwort gefunden, die kein Vorsatz ist: Es darf niemandem etwas bringen, die Sache zu verkaufen.

In unseren Vereinsstatuten steht dafür ein Artikel. Die Mittel sind „unwiderruflich und für immer” gemeinnützigen Zwecken verhaftet, ein Rückfall an Gründungspersonen, Mitglieder oder ihnen nahestehende Personen ist für immer ausgeschlossen, und dann der Satz, auf den es ankommt: Diese Bestimmung ist unabänderlich. Auch eine Zweidrittelmehrheit kann sie nicht kippen. Löst sich der Verein auf, geht alles, was übrig ist, an eine andere gemeinnützige Organisation.

Wichtig ist, was dieser Artikel nicht tut. Er verbietet keinen Verkauf. Er sorgt dafür, dass das Geld aus einem Verkauf bei niemandem ankommt, der ihn beschliessen könnte. Er nimmt nicht die Möglichkeit, sondern den Grund.

Das ist ein Unterschied, den ich erst beim Aufschreiben verstanden habe. Man kann eine Sache nicht dagegen absichern, dass Menschen ihre Meinung ändern. Man kann nur dafür sorgen, dass die Meinungsänderung sich nicht auszahlt.

Was daran noch nicht steht

Und jetzt der Teil, der mir unangenehm ist. Diese Statuten sind ein Entwurf. Der Verein ist nicht gegründet. Es fehlen zwei Personen für den Vorstand, von denen mindestens eine nicht aus meinem Umfeld kommen soll. Eine anwaltliche Prüfung steht aus, ausgerechnet für die Artikel zu Zeichnungsberechtigung, Vergütung und Vermögensbindung — also genau für den, um den es hier geht.

Der Wortlaut selbst ist nicht von mir. Er ist die Formel, die die Steuerbehörde für die Gemeinnützigkeit verlangt. Insofern ist er erprobt. Er ist nur eben auf Papier erprobt und bei uns noch nicht durch einen einzigen Tag Wirklichkeit gegangen.

Ich schreibe das trotzdem auf, weil mir die Reihenfolge wichtig ist. Erst die Struktur, dann der Betrieb. Wer zuerst baut und die Frage der Eigentümerschaft auf später schiebt, entscheidet sie irgendwann unter Druck — und Entscheidungen unter Druck fallen erfahrungsgemäss so aus, wie sie in dieser Geschichte immer ausgefallen sind.

Hundertundein Jahr sind kein Beweis. Sie sind nur eine lange Zeit, in der es gutgegangen ist.

endeitfres