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Gedanken

Fünf Jahre offen, drei Tage gebaut – warum jetzt die langweiligen Probleme drankommen

Die Daten für eine Ortsgeschichte liegen seit Jahren öffentlich herum. Gebaut hat sie niemand. Wir haben es an drei Tagen gemacht – und ich rechne hier vor, warum das weniger beeindruckend ist, als es klingt.

Fünf Jahre offen, drei Tage gebaut

Wenn über KI geredet wird, geht es fast immer um dasselbe: Was ist jetzt möglich, was noch nie ging? Was ist gross, umwälzend, noch nie dagewesen?

Ich halte die Frage für falschherum. Die interessantere ist stinklangweilig: Welche Probleme sind seit Jahren sauber formuliert, liegen offen herum, und niemand hat sie angefasst, weil es sich nicht gelohnt hat?

Hier ist einer davon, mit Zahlen.

Der Fall

Die Frage lautet: Was steht eigentlich in diesem Ort, seit wann steht es da, und wie ist der Ort geworden, was er ist? Für ein Dorf am Bodensee. Nichts Aufregendes — die Sorte Frage, die eine Gemeinde alle paar Jahre in einer Broschüre halb beantwortet.

Das Material dafür liegt seit Jahren öffentlich bereit:

Die Geodaten der Schweiz sind seit dem 1. März 2021 kostenlos und frei nutzbar — Landeskarten, Luftbilder, Landschaftsmodelle, ohne Anmeldung, auch gewerblich. Das war ein Bundesratsbeschluss im Rahmen einer Open-Data-Strategie.

Das Open-Data-Portal der Stadt Konstanz ist seit Mai 2019 online.

Dazu kommen die Denkmaldatenbank des Kantons Thurgau, die Zahlen des Bundesamts für Statistik und Wikidata mit den Bildern aus Wikimedia Commons.

Fünf bis sieben Jahre. Alles da, alles erlaubt, alles dokumentiert.

Und trotzdem gab es die Sache nicht

Damit ich hier nicht zu grosszügig mit mir selbst bin: Es gab durchaus etwas. Der Kanton hat einen Kartenviewer. Es gibt Inventarlisten. Es gibt Wikipedia. Wer die Frage beantworten will, kann sie beantworten — mit vier Fenstern nebeneinander und einem Nachmittag Zeit.

Was es nicht gab, war das Zusammengesetzte. Eine Seite, die den Untergrund, den Namen, die Herrschaftsgeschichte und den heutigen Baubestand als einen Text erzählt, mit dem Bestand darunter und einer Quellenangabe an jeder Zahl.

Das ist kein technisches Problem. Es ist Fleissarbeit — Daten holen, zusammenführen, prüfen, schreiben. Genau die Sorte Arbeit, die immer liegen bleibt, weil sie Wochen kostet und niemandem Ruhm bringt.

Was es gekostet hat

Wir haben es gebaut. Es heisst ortspur, steht seit dem 24. August online und behandelt vier Orte: Tägerwilen, Gottlieben, Kreuzlingen und Konstanz.

Der Aufwand, nachgezählt im Versionsprotokoll: 51 Änderungen an drei Tagen, vom 23. bis zum 25. August. Der eigentliche Programmcode sind rund siebeneinhalbtausend Zeilen — was, das sage ich lieber selbst, keine menschliche Tippgeschwindigkeit ist. Alles andere sind eingesammelte Daten; Kreuzlingen allein bringt 1’912 inventarisierte Bauten mit, Tägerwilen 466, Gottlieben 65.

Fünf Jahre lagen die Daten offen. Drei Tage hat das Zusammensetzen gedauert.

Der Abzug, den ich mir selbst machen muss

Jetzt der Teil, der in solchen Erzählungen meistens fehlt.

Es waren nicht drei Tage von null. ortspur ist die zehnte Fläche derselben Bauart. Die Werkzeuge zum Ausliefern, die Prüfprogramme, die Art, wie so eine Seite aufgebaut wird — das steht alles schon, weil neun andere es bezahlt haben. Was drei Tage gekostet hat, sind die zusätzlichen Kosten der zehnten Sache, nicht die der ersten. Wer bei null anfängt, rechnet anders.

Und billig bauen heisst auch billig irren. Aus denselben drei Tagen:

Die Suche in der Denkmaldatenbank ging davon aus, dass die Liste sortiert ist. Sie ist es fast. An einer Stelle steht ein einzelner fremder Datensatz dazwischen — und die Suche meldete für eine Stadt mit fast zweitausend Bauten null Denkmäler. Kein Fehler, kein Abbruch, einfach nichts.

Auf der Startseite stand zwei Tage lang die Jahreszahl 1101. Die gibt es nicht: Es ist die interne Schreibweise für „irgendwann im 12. Jahrhundert”. Bei den ersten beiden Orten waren die ältesten Bauten zufällig jahresgenau datiert, also fiel es nicht auf.

Und einen Tag nach dem Start mussten 31 Seiten wieder weg, ersatzlos. Sie versprachen Ortsgeschichte und lieferten Inventar. Auf jeder stand ein Hinweis, dass sie nur Inventar sei — was nichts hilft. Ein Hinweis heilt nicht, was darunter steht.

Drei Tage bauen heisst also nicht drei Tage fertig sein. Es heisst, dass der Bau nicht mehr das Teure ist. Das Teure ist danach: hinsehen, nachrechnen, wieder wegwerfen.

Was das für die Liste in der Schublade heisst

Fast jeder Verein, jedes Museum, jede Gemeindeverwaltung hat so eine Liste. Das Archiv, das niemand durchsuchen kann. Die Karte, die es nur auf Papier gibt. Das Verzeichnis in einer Tabelle, die drei Leute pflegen und niemand findet.

Der Grund, warum diese Dinge nie gebaut wurden, war fast nie „geht nicht”. Es war „lohnt die Wochen nicht”. Das ist eine völlig vernünftige Rechnung gewesen — sie stimmt nur nicht mehr.

Es hat nie an Ideen gefehlt. Es hat an Bauzeit gefehlt, und Bauzeit ist gerade das Billigste geworden, was es gibt.

Die Frage ist also nicht mehr, was man Grosses damit anfangen könnte. Die Frage ist, was seit Jahren offen herumliegt und auf jemanden wartet, der es zusammensetzt.

endeitfres