Dumme Software – warum ich die beste KI benutze, um sie zu bauen
Ein halbes Jahr Vollzeit an einer Sache, und heraus kommt Software ohne Chat-Fenster. Das ist Absicht – und der einzige Grund, warum sich der Ressourcenverbrauch für mich rechtfertigen lässt.
Dumme Software
Ich sitze seit einem halben Jahr im Keller. MacBook Air, zwei Arbeitsplätze, dazwischen laufe ich hin und her. Draussen sind die ersten drei Apps, an der Pinnwand hängen die Karten, die ich gerade verteile. Seit März mache ich nichts anderes.
Und wenn man sich anschaut, was dabei herauskommt, sieht es nach wenig aus. Ein Kartenlernspiel, das Karten in wachsenden Abständen wiederbringt. Ein Würfelspiel. Eine Seite, die zeigt, was am See läuft. Kein Chat-Fenster, keine Eingabezeile, in die man seinen Wunsch tippt. Nichts, was sich auf einer Bühne herzeigen lässt.
Das ist Absicht. Und weil es das ist, was mich dieses Jahr am meisten beschäftigt hat, schreibe ich es einmal auf.
Erst das, was gegen mich spricht
Ich verbrenne den ganzen Tag Tokens. Ich verbrenne Strom. Ich stütze mit jedem Auftrag einen Hype, den ich in fast jedem Punkt für falsch halte. Das kann ich nicht wegdiskutieren, und ich will es auch nicht.
Meine Rechtfertigung ist eine einzige: Am Ende muss etwas dastehen, das ohne das alles läuft. Wenn ich die beste KI benutze und dabei etwas baue, das die beste KI zum Laufen braucht, dann habe ich Ressourcen verbrannt, um dauerhaft mehr Ressourcen zu verbrennen. Dann war es das nicht wert. Dann bin ich ein Zwischenhändler mit gutem Gewissen.
Also andersherum.
Die beste KI benutzen, um dumme Software zu bauen
Dumm heisst deterministisch. Gleiche Eingabe, gleiches Ergebnis, jedes Mal, auf jedem Gerät. Kein Modell zur Laufzeit, kein Aufruf nach draussen, keine Rechnung, die weiterläuft, während jemand die App benutzt. Das Ding kann kaputt sein oder funktionieren, aber es kann nicht heute anders antworten als gestern.
Die ganze Intelligenz steckt davor. In der Frage, was das Ding eigentlich tun soll. Im Datenmodell, im Ablauf, im Layout, in den zehn Varianten, die man durchspielt, bevor eine steht. Genau dafür brauche ich das teuerste Werkzeug, das es gibt — und genau deshalb darf davon im Ergebnis nichts übrig bleiben.
Es ist ein bisschen wie ein Bauplan. Man kann einen Architekten hundert Mal fragen. Das Haus fragt hinterher niemanden mehr.
Einmal sauber skripten schlägt jedes Mal neu erzeugen
Gerade wird alles auf generativ umgestellt. Alles wird im Moment erzeugt, alles hyperpersonalisiert, für jeden Aufruf läuft eine Inferenz. Und in den allermeisten Fällen braucht es das gar nicht. Es führt nicht mal zu einem besseren Ergebnis. Oft zu einem schlechteren: beliebiger, langweiliger, unvorhersehbar. Etwas Geskriptetes wäre besser gewesen — und man hätte es einmal gemacht statt eine Million Mal.
Der Witz ist ja gerade, dass man mit einem Modell jetzt endlich unendlich viele Varianten durchspielen kann. Man macht es nur eben nicht live. Man macht es einmal, sauber, nachvollziehbar, meinetwegen als Kombination aus zehn Verfahren, so elaboriert wie man will. Und dann steht es.
Wer das für Geschmacksfrage hält: Sora ist zu. Die App am 26. April 2026, die Schnittstelle folgt am 24. September. Der angegebene Grund ist nicht, dass es niemand benutzt hätte — es ist die Rechenleistung. Die wird umgelegt, auf Programmierwerkzeuge und Geschäftskunden. Das ist keine Häme, im Gegenteil: Das ist die Firma mit dem meisten Geld und der besten Technologie, und selbst dort muss man sich entscheiden, wofür man erzeugt. Im Moment erzeugen ist teuer, und es bleibt teuer.
Dazu kommt etwas, das nie wegfällt: das Aussortieren. Ein Modell schreibt zusammen, was da ist. Es kennt nie genug vom Zusammenhang, um zu entscheiden, welche von zwanzig Fassungen die richtige ist. Diesen Schritt macht bei allem, was ich baue, immer noch ein Mensch — und der Schritt wird nicht billiger, wenn man ihn zwanzig Mal am Tag statt einmal machen lässt.
Wie das aussieht, wenn man es baut
Kein Backend. Keine Datenbank. Du lädst die App, und dann hast du sie. Kein Internet nötig, kein Konto, nichts, was wir bereitstellen müssen. Wir können nicht down sein, weil zwischen dir und deiner Sache nichts von uns steht.
Deine Daten liegen bei dir. Du kannst sie exportieren und auf einem anderen Gerät wieder importieren. Wenn du willst, syncen wir — dann liegt eine Spiegelung bei uns, mit Backup. Und wenn dir das nicht passt, fährst du deinen eigenen Sync hoch. Fällt unserer aus, hast du trotzdem alles. Das ist der ganze Unterschied zum Mieten: Ich zahle heute für den Platz, an dem meine eigenen Sachen liegen, und wenn ich aufhöre zu zahlen, nimmt man sie mir weg.
Dasselbe Denken geht weiter nach unten. Rechnen soll dort passieren, wo der Mensch sitzt, nicht in einem Rechenzentrum, an das die Daten erst geschickt werden müssen. Deshalb Svelte statt React, deshalb schlanke Abhängigkeiten statt Boilerplate, den keiner mehr liest.
Und deshalb hier eine Zahl, die gegen mich läuft. Eines unserer Spiele läuft im Browser, gebaut mit Godot. Die Dateien sind zusammen 38 Megabyte gross. Davon ist das Spiel selbst — alles, was ich gemacht habe — 315 Kilobyte. Der Rest ist die Engine. Über die Leitung, komprimiert, sind es 9,6 Megabyte Engine gegen 310 Kilobyte Spiel: 97 Prozent von dem, was jemand herunterlädt, ist nicht die Sache, sondern der Apparat drumherum.
Das ist genau die Art von Zahl, die man messen muss statt sie zu schätzen. Ich hatte sie auf dreissig bis vierzig Megabyte geschätzt und lag richtig — aber die Schätzung hätte mir nie gesagt, dass das Verhältnis 97 zu 3 ist. Effizienz ist ein Bekenntnis, solange man sie nicht nachrechnet. Hier habe ich noch nicht gewonnen.
Kein LLM-Verpacker
Es gibt gerade einen sehr naheliegenden Weg: fremdes Modell nehmen, guten Prompt schreiben, Oberfläche drumherum, Abo verkaufen. „Erstelle deine Website mit KI.”
Warum sollte ich das wollen? Ich verkaufe dann die Kerntechnologie von jemand anderem als mein Eigenes und schlage einen Preis drauf. Das Geschäft funktioniert genau so lange, wie der, dem die Technologie gehört, es zulässt. Und der Nutzer bekommt eine Abhängigkeit mehr, nicht eine weniger.
Wo bei uns Modelle vorkommen, soll es deine Entscheidung sein: unsere, dein eigener Schlüssel, oder gar keine. Fertig gebaut ist diese Wahl noch nicht überall. Aber „gar keine” muss am Ende eine vollwertige Option sein, sonst ist es keine Wahl, sondern eine Wartezeit.
Die Frage andersherum stellen
Der übliche Einstieg lautet: Wir haben jetzt diese riesige Keule — wen erschlagen wir damit? Was ist gross, umwälzend, noch nie dagewesen?
Ich finde die Frage falschherum. Sie sucht ein Problem für ein Werkzeug, das man schon gekauft hat. Die bessere Frage ist die langweilige: Welche bestehenden Probleme gibt es, die längst formuliert sind? Die unsexy sind, die sich nie jemand anschauen will, die immer liegen bleiben, weil sie mühsam sind und niemandem Ruhm bringen?
Diese Liste ist lang, und sie ist alt. Es hat nie an Ideen gefehlt. Es hat an Bauzeit gefehlt. Und Bauzeit ist genau das, was jetzt billig geworden ist.
Was daran unfertig ist
Ich weiss, wo das kippt. Nicht an der Technik. Es kippt an dem Tag, an dem jemand mit einem Angebot kommt, das gross genug ist. Dann ist man wieder bei null, das Ding wird konsolidiert, und in drei Jahren erklärt jemand, warum das Abo notwendig geworden ist.
Dagegen hilft kein Vorsatz. Dagegen hilft nur eine Wertebasis, die festgeschrieben ist und die man nicht nachträglich verbiegen kann. Ob mir das gelingt, weiss ich nicht — es steht auf dem Papier und ist noch nicht geprüft. Das ist die schwierigste Aufgabe von allen, und sie ist offen.
Was heute steht, ist kleiner: ein paar Apps, die man herunterlädt und dann besitzt. Kein Konto, keine Werbung, kein Tracking, keine Inferenz im Hintergrund. Software, die nichts von einem will.
Dafür ist mir die beste KI der Welt gerade gut genug.