Das freieste Web war das erste – und was seitdem dazugekommen ist
Eine Seite ins Netz zu stellen war nie einfach. Die Hürde ist nicht gefallen, sie hat nur die Form gewechselt – von „kannst du eine Datei hochladen" zu „kannst du einen Stapel verwalten". Mit dem Nachweis an einer eigenen Fläche.
Das freieste Web war das erste
Ganz am Anfang lud man eine Datei hoch, und dann stand sie da. HTML, ein paar Zeilen, CSS gab es noch nicht einmal. Das war ungefähr so aufwendig, wie sich eine Notiz auf einen Zettel zu schreiben — man setzt zwei, drei Regeln davor, damit es ordentlich aussieht, und fertig.
Ich glaube, freier ist das Web nie wieder gewesen.
Was seitdem dazugekommen ist
Die Zahlen dazu sammelt das HTTP Archive, das monatlich Millionen Seiten abruft. Stand Juli 2025 sieht die mittlere Seite so aus — die Hälfte aller Seiten liegt darüber, die Hälfte darunter:
2,6 Megabyte schwer auf dem Telefon. 72 Anfragen an Server, bis sie fertig ist. Davon 632 Kilobyte JavaScript und 911 Kilobyte Bilder. Und mehr als neun von zehn Seiten binden mindestens einen Dritten ein — jemanden also, der nicht der Betreiber der Seite ist.
Die beiden häufigsten dieser Dritten sind Googles Schriftendienst und Googles Tag-Manager. Der zweite ist ein Ding, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Messwerkzeuge nachzuladen.
Aus einem Zettel sind also 2,6 Megabyte geworden, aus einem Aufruf zweiundsiebzig, und auf mehr als neun von zehn Zetteln schreibt jetzt noch jemand mit, den man nicht eingeladen hat.
Die Hürde ist nicht gefallen
Man hört oft, das Internet sei doch offen für alle. Jeder könne heute eine Seite haben. Das stimmt und stimmt nicht — je nachdem, was man unter „haben” versteht.
Die Hürde ist nie verschwunden. Sie hat die Form gewechselt. Früher war die Frage: Kannst du eine Datei auf einen Server legen? Heute ist die Frage: Kannst du einen Stapel verwalten? Bauwerkzeuge, Pakete, Abhängigkeiten, Zertifikate, Einwilligungsbanner, und irgendwann kommt jemand und sagt, das Ding müsse aktualisiert werden, sonst sei es unsicher.
Das ist eine höhere Wand als früher. Sie ist nur besser tapeziert.
Der ehrliche Einwand
Jetzt der Einwand, den ich mir selbst machen muss, denn er ist gut: Doch, die Hürde ist gefallen. Es gibt Baukästen. Ein Verein klickt sich an einem Nachmittag eine Seite zusammen, sie sieht ordentlich aus, und niemand muss irgendetwas verstehen.
Das ist wahr. Der Preis steht nur nicht daneben.
Er besteht aus zwei Teilen. Der eine ist die Miete: Die Seite gehört dir, solange du zahlst. Der andere wiegt schwerer, und er fällt erst auf, wenn man gehen will — du kannst sie nicht mitnehmen. Was du gebaut hast, liegt in einem Format, das nur der Baukasten liest. Am Tag des Umzugs stellst du fest, dass du die Jahre nicht besessen, sondern gemietet hast.
Was es kostet, wenn man es anders macht
Wir betreiben eine kleine Rätselseite. Kreuzworträtsel, im Browser spielbar, keine Werbung, kein Konto. Ich habe nachgemessen, was sie einen Besucher kostet.
Drei Anfragen. 105 Kilobyte. Kein JavaScript. Kein Dritter.
Das ist ungefähr ein Vierundzwanzigstel der mittleren Seite. Und im Betrieb ist sie kein Programm, das läuft, sondern eine Handvoll fertiger Dateien, die herumliegen: eine Dateikopie auf den Server, ein Eintrag im Webserver, zwei Zeilen im Namensdienst. Keine Datenbank, kein Dienst, der nachts abstürzen könnte, nichts, was jemand aktualisieren muss, damit es sicher bleibt.
So eine Seite kann man vergessen, und sie steht trotzdem noch da.
Wo ich selbst schlampe
Damit das hier nicht zu selbstzufrieden wird, zwei Zahlen aus derselben Messung.
Von den 105 Kilobyte der Rätselseite sind 97 zwei Schriftdateien. Der eigentliche Inhalt — die Seite, das Rätsel, alles — ist neun Kilobyte. Die Schriften liegen bei uns, weil ich sie ausdrücklich nicht bei Google holen wollte; das ist genau der Dritte, den ich zwei Absätze weiter oben beklagt habe. Der Preis dafür steht jetzt in meiner eigenen Spalte, und er ist zweiundneunzig Prozent der Seite. Beides stimmt gleichzeitig, und ich hatte es schlicht nie nachgerechnet.
Und die Seite, auf der du das hier liest, lädt auf ihrer Startseite 2,25 Megabyte Bilder. Die mittlere Seite liegt bei 911 Kilobyte — ich liege also beim Zweieinhalbfachen. Ich bin nicht sparsam, ich bin nur an einer anderen Stelle schlampig als die anderen.
Das ist mir jetzt zum dritten Mal in einer Woche passiert: Das, was ich sorgfältig ausgesucht habe, ist klein. Das, worüber ich nie nachgedacht habe, ist fast alles.
Warum das gerade jetzt kippt
Der Grund, warum die aufwendige Bauweise sich durchgesetzt hat, war nie, dass sie besser ist. Sie war billiger — nicht im Betrieb, sondern in der Herstellung. Etwas von Hand ordentlich zu bauen kostete Wochen. Einen Baukasten zu mieten kostete einen Nachmittag.
Genau dieses Verhältnis hat sich verschoben. Bauzeit ist das, was gerade dramatisch billig geworden ist. Damit ist zum ersten Mal die Möglichkeit da, für einen Verein, eine Beiz, einen kleinen Betrieb etwas zu bauen, das ihm danach gehört — statisch, ohne Abo, ohne fremde Mitschreiber, und leicht genug, dass es auch in zehn Jahren noch lädt.
Am Anfang stand zwischen der Notiz und dem Leser nichts. Alles, was seitdem dazugekommen ist, wurde hinzugefügt — und das meiste davon dient jemand anderem als dem Leser.
Man darf es wieder weglassen.